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Der Glaube macht mich stark Drucken E-Mail
Samstag, 22. November 2008
Alexander Dimitrenko nach dem KO-Sieg genen Luan Krasniqi im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt.

Quelle: Hamburger Abendblatt

Der Mann, der in einer der hinteren Reihen der prunkvoll geschmückten serbisch-orthodoxen Kirche in der Schellingstraße in Wandsbek steht, fällt jedem Betrachter auf. Er ist zwei Meter groß und gefühlt fast ebenso breit, hat kurz geschorenes blondes Haar, ein glattes, jugendlich wirkendes Gesicht und eine tiefe Bassstimme, die zwar zum Körper, nicht aber zum Gesicht passt. Wer neben ihm steht, kann ihn leise sprechen hören, wenn die rund 100 Menschen starke Menge zum Gebet anhebt, was sie häufig tut während der fast vier Stunden, die der Gottesdienst an diesem Sonntagmorgen dauert. Mit geschlossenen Augen steht der Mann da, während er betet, und wer ihn dabei beobachtet, der kann verstehen, was er meint, wenn er erklärt, dass der Kirchenbesuch ihm "die Ruhe und die Kraft gibt, um im Alltag Leistung bringen zu können".

Welche Leistung er bringen kann, konnte Alexander Dimitrenko wieder einmal am vergangenen Sonnabend in Düsseldorf beweisen. Schon in Runde drei hatte der Schwergewichts-Boxprofi aus dem Hamburger Universum-Stall seinen Trainingskollegen Luan Krasniqi ausgeknockt und seine Stellung als Pflichtherausforderer von WBO-Weltmeister Wladimir Klitschko untermauert. Wie wichtig dem 28 Jahre alten Ukrainer der Glaube ist, konnte jeder Zuschauer sehen. Auf seiner Boxhose stand "God bless" ("Gott segne uns"), und beim Einmarsch in die Halle und auch kurz vor dem ersten Gong sprach Dimitrenko ein schnelles Gebet, um "Beistand zu erbitten, damit ich gesund bleibe und siege."

Der angehende Notar, der zwei Semester vom ersten Staatsexamen entfernt ist, besucht jeden Sonntag die Kirche, meist in Begleitung seiner serbischen Frau Vanja (23). Da die Gottesdienste in Hamburgs orthodoxen Kirchen, die sich in griechisch-orthodox, russisch-orthodox und serbisch-orthodox gliedern, in slawischer Sprache gehalten werden, kann er ihnen überall folgen. "Manche gehen in die Disco, um sich wohlzufühlen. Bei mir ist es eben die Kirche", sagt Dimitrenko, dem als Sohn einer studierten Theologin der Umgang mit dem christlichen Glauben früh beigebracht wurde. Der Modellathlet versucht dennoch nie, Anders- oder Nichtgläubige zu missionieren. "Ich sehe den Glauben als normalen Teil meines Lebens. Ich fühle mich nicht anderen überlegen, nur weil ich an Gott glaube", sagt er. Ein Image als "Gotteskämpfer", wie es viele US-Profiboxer mit markigen Worten für sich beanspruchen, lehnt er ab.
Als 16-Jähriger verließ Dimitrenko seine Heimatstadt Jewpatorija auf der Krim, um im 750 km entfernten Charkow das Sportinternat zu besuchen. "Dort musste ich jeden Tag kämpfen, um etwas zu essen zu bekommen. In dieser Zeit habe ich oft gedacht, dass es keinen Gott geben kann. Bis ich verstanden habe, dass Gott mich prüfen wollte. Heute bin ich dafür dankbar, denn ich hätte mir nie so viel Mühe gegeben, um Profi zu werden, wenn es mir besser gegangen wäre", sagt er.

Jeden Tag liest Dimitrenko in der Bibel, jeden Morgen und jeden Abend betet er, allein in einem immer wechselnden Raum seiner Wohnung. "Es ist ein Gespräch mit Gott, das kann fünf Minuten, aber auch eine Stunde dauern", erklärt er. Auch vor Prüfungen oder Sparringseinheiten sucht er dieses Gespräch. Das Einhalten von Ritualen wie das Fasten ist für ihn als Leistungssportler nur eingeschränkt möglich, dafür bemüht er sich, Opfer zu bringen, indem er beispielsweise Geld für Menschen in Not sammelt oder Gespräche mit ihnen führt. Derlei Nächstenliebe sei für ihn selbstverständlich, weil er Menschen so behandeln wolle, "wie ich selbst behandelt werden will".

Wie passt da der Leberhaken, mit dem er Krasniqi zu Boden schickte, ins Bild? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Dimitrenko lacht, und dann sagt er: "Der Sport ist eine Ausnahme." Wer sonst alle Regeln befolgt, darf sich eine solche Ausnahme wohl leisten.

bj

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